Freitag, 13. Januar 2012

dolly, teddy und micky

©Sarah-Maria
1941 zogen etwa 60 Swing-Kids die Nazis öffentlich durch den Kakao: sie spielten am Hamburger Hauptbahnhof einen Empfang von hohen NS-Parteimitgliedern nach. Alle waren fein herausgeputzt und die beiden Nazi-Darsteller wurden beim Aussteigen aus dem Zug mit lautem Jubel als „Reichsstatistenführer“ empfangen. Vor dem Bahnhof wartete damals schon eine Pferdekutsche, die die beiden Statistenführer durch die Hamburger City fahren sollte.

Anfangs waren die Anhänger der Swingjugend eher unpolitisch. Ihnen ging es vornehmlich darum den Uniformierungen der „Hitlerjugend“ und dem „Bund Deutscher Mädel“ zu entgehen. Oftmals trugen die Jungs – orientiert an der englischen Mode – verhältnismäßig lange Haare, karierte Sakkos, einen Hut und einen Regenschirm. Mädchen trugen kurze Röcke oder lange Hosen mit Zigarettenspitze zwischen den auffällig geschminkten Lippen. Die Swing-Kids gaben sich untereinander englische Spitznamen, wie Bobby, Teddy, Dolly oder Micky.

Kreise der Swingjugend bildeten sich hauptsächlich in Berlin und Hamburg. Ihre Mitglieder waren in der Regel zwischen 15 und 21 Jahre alt und kamen meist aus der Mittelschicht. Das Hören von Swing-Musik und die Verwendung von Anglizismen, als Ausdruck von Protest und Abgrenzung gegen die normierte und gleichgeschaltete Jugend der Nazi-Zeit, schlug jedoch schnell in politischen Prostest um. „Die Swing-Jugend verweigerte sich dem Nazi-Regime und das war gefährlich. Wir kleideten uns anders als die Hitler-Jugend, wir trugen Nadelstreifenanzüge und einen Regenschirm über dem Arm, um eine englische Noblesse zu demonstrieren. Mit Kanus sind wir auf der Alster gefahren und haben unter den Brücken möglichst laut Louis Armstrong gespielt, mit dem Grammofon! Natürlich wurden wir von der Gestapo beobachtet. 1942 bin ich dann verhaftet worden“, erinnerte sich Günter Discher. Er war 17 Jahre alt, als er von den Nazis in das Jugend-KZ Moringen gebracht wurde und dort bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges inhaftiert blieb. Heute besitzt Günter Discher mit etwa 25 Tausend Schallplatten eine der größten privaten Sammlungen überhaupt und gilt als erster DJ Deutschlands.

Swing wurde von den Nazis als „Niggermusik“ oder „Judengejohle“ diffamiert und schließlich verboten. Schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis wurden in vielen Cafés „Swing tanzen verboten“ Schilder aufgehängt. Den Tanzstil der Swing-Kids (ein Arm nach oben gesteckt, das Viktoryzeichen zeigend, die Beine leicht gespreizt und den Oberkörper nach vorne gebeugt) war für die Nazis ein Greul. Zudem zogen sie den Hitlergruß ins Lächerliche und begrüßten sich mit „Heil Hotler“ oder machten aus „Sieg heil“ – „Swing heil“.
Immer mehr Razzien drängten die Jugendlichen nicht nur zu illegalen Parties, sondern sie gehörten auch zu den ersten, die regelmäßig „Feindsender“ hörten und mitschnitten, um an neue Musik zu kommen. Ab 1940 kam es zu vielen Verhaftungen und bis zum Ende der NS-Herrschaft verloren viele der Swing-Kids ihr Leben in Arbeitslagern. Mit der gezielten Verfolgung politisierten sich einige Mitglieder zunehmend und knüpften Kontakte mit Widerstandsgruppen, wie der Weißen Rose.

Der Bericht „Swing-Jugend – Sofort-Aktion gegen die Swing-Jugend“ von 1941:
„In meiner Vorlage vom 18. Februar 1941 betr. Verkauf und Wiedergabe englischer Schallplatten hatte ich auf das unwürdige Verhalten anglophiler Hamburger Kreise hingewiesen. Der Herr Minister hatte seinerzeit einer Aktion gegen diese Kreise nicht zugestimmt. Seitens des SD und der Gestapo waren deshalb auch weitere Schritte bisher nicht unternommen worden. Nunmehr muß ich ergänzend mitteilen, daß gemäß Bericht des RPA Hamburg vom 4. August 1941 und Bericht des SD vom 16. August 1941 die hot- und swing-Demonstrationen jugendlicher anglophiler Kreise in Hamburg inzwischen staatsfeindliche und reaktionär zersetzende Formen angenommen haben.

Englische, amerikanische und jüdische Musikschallplatten werden ausgeliehen, getauscht, durch Schneideapparate vervielfältigt und auch zur öffentlichen Wiedergabe benutzt.
Es bilden sich jugendliche Amateur-Kapellen, die sich in den Dienst der hot-Propaganda stellen, ohne sich durch musikalische Leistung ausweisen zu können. Die RMK besitzt keine Möglichkeit, Aufnahmegesuche dieser Art zurückzuweisen.

Der englische Schlager „We will hang our washing on the Siegfriedline“, Aufnahmen der Kapelle Nat Gonella, die krassesten Erzeugnisse der hot-Musik werden von diesen Swing-Kreisen in bewußter Auflehnung gegen das Verbot dieser Werke propagiert. Angehörige dieser Kreise haben einen IHC (Internationalen Hot Club) gebildet, bedienen sich untereinander englischer Begrüßungsformeln und haben sich englische Namen zugelegt. Durch Gespräche, Urteile über führende Persönlichkeiten Deutschlands und Flugblätter ist die staatsfeindliche Einstellung dieser Kreise festgestellt.

Es handelt sich hier z. T. um degenerierte und kriminell veranlagte, auch mischblütige jugendliche, die sich zu Cliquen, bzw. musikalischen Gangster-Banden zusammengeschlossen haben und die gesund empfindende Bevölkerung durch die Art ihres Auftretens und die Würdelosigkeit ihrer musikalischen Exzesse terrorisieren.
Es erscheint dringend notwendig, die Anführer dieser Kreise, die dem SD und der Gestapo bekannt sind, auszuheben und das bisher sichergestellte Material unerwünschter Schallplatten zu beschlagnahmen, um eine weitere Verbreitung der Swing- und Hot-Seuche in Hamburg und über Hamburg hinaus zu verhindern und ihren schädigenden Einfluß auf andere Jugendliche zu unterbinden.

Ich bitte deshalb den Herrn Minister, einer Sofort-Aktion zuzustimmen, die sich, um eine Beunruhigung der Bevölkerung zu vermeiden, gegen die Anführer dieser Kreise richtet und in der Lage sein wird, normale Verhältnisse wiederherzustellen.“

Quellen:
Stölzle, A./Trost, G.: Die Swing-Jugend. http://ftp01.wdr.de/politik_geschichte/drittes_reich/kindheit_unter_hitler/swingjugend.jsp (abgerufen am 20. Juni 2011).
Arte: Tanzen wollen sie alle. http://www.arte.tv/de/929818,CmC=939468.html (abgerufen am 20. Juni 2011).
WDR: Die Unwertigen. http://www.wdr.de/wissen/wdr_wissen/programmtipps/fernsehen/10/10/04_2315_w.php5?start=1286226900 (abgerufen am 20. Juni 2011).
Hessischer Rundfunk: Die „Swing Kids“ - Mit Jazz gegen Hitler. Sendung vom 23.11.2004, 08:40 – 08:55 Uhr, hr2.
Rundfunkmuseum: Kurt Widmann. http://www.rundfunkmuseum.at/html/kurt_widmann.html (abgerufen am 20. Juni 2011).
Deutsches Historisches Museum: Bericht: Swing-Jugend, 1941. http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/swing/index.html (abgerufen am 20. Juni 2011).

Kommentare:

  1. danke für die Swingjugend-Info - ist wieder sehr interessant zu lesen.
    Jetzt habe ich gerade nach Bildern gegoogelt ...

    ich wünsche dir ein schönes Wochende
    Heidi-Trollspecht

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    1. Wenn man ein bisserl vor sich hin googelt, findet man ein paar Fotos und auch noch einige "Swing-Geschichten":

      Z.B. galt das damals am Berliner Potsdamer Patz ansässige „Haus Vaterland“ zwischen 1938 und 1942 als echter Swing-Geheimtipp. Denn hier trat Kurt Widmann mit seiner Band auf und spielte allerhand „entartete“ Musik trotz diverser Verwarnungen seitens des Nazi-Regimes rauf und runter.

      Kurt Widmann selbst konnte sich zwar recht lange dem Einzug zur Wehrmacht entziehen – musste dann aber schließlich doch. Und es war Schluss mit seinen Swing-Abenden im Haus Vaterland. Als er 1944 entlassen wurde, rief er völlig unbehelligt von etwaigen Nazi-Repressalien einem Freund auf offener Straße zu. „Die entartete Musik hat doch gesiegt!“

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  2. jetzt hast du mich wieder zum weiter googeln gebracht *g*

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  3. Je weiter man auch in den Themen (v.a. in historischen Themen oder Begleitthemen) stöbert, desto interessanter wird es und desto mehr bin ich z.B. auch immer mehr vom "Forschungswahn" befallen. Die Geschichte über 2.WK in Verbindung mit Kabarett oder Theater und Widerstand ist dabei äußerst interessant. LG Senna

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    1. Liebe Senna, zum Thema II. Weltkrieg und Kabarett habe ich noch diverse Posts vorbereitet. Die werde ich hier auf jeden Fall noch hochladen - und fange auch gleich heute damit an.... ;)

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